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Gute Haltung, gute Laune?

Kopf hoch, Brust raus: Hebt das die Stimmung? So einfach ist es nicht. Wie der Gemütszustand mit Körperhaltung, Bewegung und Mimik zusammenhängt
von Ingrid Kupczik, 18.05.2016

"Bitte lächeln": Ein fröhlicher Blick in den Spiegel hebt die Stimmung

Plainpicture/Marcus Lund

Der Meditationslehrer gab den Mönchen des Shaolin-Klosters den Rat, sich morgens im Spiegel anzulächeln, um Herz und Seele zu öffnen und sich mit sich selbst und der Welt zu versöhnen. Wem nicht zum Lächeln zumute sei, der solle mit den Zeigefingern die Mundwinkel hochziehen, das Ganze mehrmals. Täglich wiederholt, bringe die Übung mehr Heiterkeit ins Leben.

Dass an der fernöstlichen Legende etwas dran ist, hat eine Studie an der Universität Mannheim eindrucksvoll belegt. Versuchspersonen sollten mit dem Mund einen Stift halten und dabei verschiedene Aufgaben ausführen. Eine Gruppe fixierte den Stift allein mit den Lippen, die andere tat dies mit den Zähnen.

Die Probanden wurden unter anderem gebeten, die Witzigkeit von Cartoons zu beurteilen. Das Ergebnis war verblüffend: Die Teilnehmer der "Lippen"-Gruppe fanden die Cartoons alles andere als komisch. Offenbar war ihnen der Humor abhandengekommen, als sie genau jene Muskeln hemmten, die normalerweise fürs Lachen zuständig sind. Die "Zahn"-Gruppe, die beim Stifthalten die Lachmuskeln rund um den Mund zwangsweise aktiviert hatte, entdeckte in den Cartoons den größten Witz.

Haltung bewahren, Einknicken, Rückgrat beweisen

Die Erkenntnis, dass sich Körper, Emotionen und Geist wechselseitig beeinflussen, kommt nicht überraschend. Das zeigt schon der Sprachgebrauch: Man bewahrt Haltung, beweist Rückgrat, knickt ein, ist hochnäsig, zeigt die stolz geschwellte Brust. "Neu ist, dass wir diese Zusammenhänge jetzt erstmals systematisch untersuchen und wissenschaftlich fundiert begründen können", sagt Johannes Michalak, Professor für Psychologie an der Universität Witten-Herdecke.

Zum Thema "Embodiment" (engl. für Einbettung, Verkörperung), welches das komplexe Zusammenspiel körperlicher, psychischer, kognitiver und sozialer Vorgänge umfasst, gibt es mittlerweile viele erstaunliche Studienergebnisse. Unter anderem die Botox-Studie der Medizinischen Hochschule Hannover: Die Forscher injizierten depressiven Patienten das lähmende Mittel in den Stirnmuskel unter der Zornesfalte, woraufhin diese erschlaffte. 60 Prozent berichteten sechs Wochen später über eine deutliche Stimmungsaufhellung.

Doch Botox zeigt auch andere Effekte: Eine Studie aus Wisconsin befasste sich ebenfalls mit Patientinnen, die eine Botox-Injektion in die Stirn erhielten. Nach der Spritze brauchten sie deutlich mehr Zeit, um Aussagen mit traurigen und ärgerlichen Inhalten einzuordnen. Sie taten sich also schwerer damit, Emotionen zu verstehen, die sie selbst nicht mehr ausdrücken konnten.

Andere Forschergruppen wiesen nach, dass die Art der Körperhaltung den eigenen Stolz und bei frustrierenden Aufgaben das Durchhaltevermögen beeinflusst. Das Gangmuster wirkt sich ebenfalls auf die Stimmung aus, wie Michalak und sein Team zeigten: Sie hatten psychisch gesunde Versuchspersonen durch ein technisches Feedbacksystem dazu gebracht entweder in einer aufrechten, beschwingten Art zu gehen oder aber leicht gebeugt, mit reduzierter Dynamik – wie dies typisch für Patienten mit Depressionen ist.

Während des Laufs wurden den Studienteilnehmern positive und negative Begriffe präsentiert. Ein Gedächtnistest kurze Zeit später zeigte: Die Läufer mit dem "glücklichen" Gangmuster erinnerten sich überwiegend an die positiven Begriffe, die "unglücklichen" Läufer vor allem an negative. Die Auswahl der Erinnerung gilt als ein wichtiges Indiz für das seelische Befinden: "Menschen mit Depressionen erinnern sich eher an negative Ereignisse und Dinge als an positive", sagt der Wittener Experte.

Die "glückliche" Sitzhaltung

Auch die Sitzhaltung hat Auswirkung auf Erinnerungsinhalte, stellte Michalak in einer weiteren Studie fest: Versuchspersonen mit Depressionen, die nach Anweisung aufrecht am Schreibtisch saßen und mit geradem Rücken das Geschehen auf einem Monitor in Augenhöhe verfolgten, erinnerten sich anschließend deutlich stärker an positive Inhalte als jene Probanden, die auf dem Stuhl zusammengesunken waren und auf einen am Boden stehenden Monitor blickten. Ob und inwieweit eine bewusst und systematisch eingesetzte "glückliche" Sitzposition oder Gangart dazu beitragen könnte, längerfristig auch die Stimmung zu verbessern und beispielsweise eine Depression zu lindern, soll Gegenstand weiterer Untersuchungen sein. "Die Ergebnisse können uns in Zukunft womöglich helfen, psychische Störungen noch genauer zu verstehen und gezielter zu behandeln", erklärt Michalak.

Wie das Zusammenspiel von Körper, Informationsverarbeitung und Emotionen genau funktioniert, ist noch längst nicht geklärt. Die Forscher vermuten eine Art Netzwerkmodell der Informationsverarbeitung: Eine Stimmung, zum Beispiel Traurigkeit, bildet sich demnach in verschiedenen Hirnbereichen ab – in Arealen für Sprachverarbeitung, Körperzuständen und anderen. Sobald ein Knoten dieses Netzwerks aktiviert wird, etwa die Körperhaltung, wirkt sich dies auf die anderen Knoten aus, lautet die Annahme.

Tipps für den Alltag

Kopf hoch, Brust raus! Helfen Haltungsregeln, den Alltag zu meistern? "Vermutlich schaden sie nicht. Aber wem es psychisch nicht gut geht, der empfindet solche einfachen Anweisungen möglicherweise als unpassend und wird sie ablehnen", winkt Michalak ab. Er plädiert dafür, mehr Achtsamkeit für den eigenen Körper zu entwickeln: "Viele Menschen sitzen täglich mehrere Stunden zusammengesunken vor dem Computer und merken gar nicht, wenn sie sich nicht mehr gut fühlen; dass sie Hunger haben oder längst erschöpft sind", sagt Michalak. Körperorientierte Bewegungsarten wie Yoga, Qi Gong oder Tai Chi können helfen, Zugang zu den Bedürfnissen des Körpers zu bekommen und die Stimmung positiv beeinflussen. "Unser Körper ist unser Zuhause. Wir sollten ihn wieder spüren lernen und gut für ihn sorgen."



Bildnachweis: Plainpicture/Marcus Lund

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